Arbeitsrecht · Überstunden

Überstunden in Deutschland: wann sie bezahlt werden müssen, wo die Grenzen liegen und was Sie aufschreiben sollten

Von Alejandro, Gründer von CheckInGO Veröffentlicht: · Quellen: §§ 3, 6, 16 ArbZG · § 612 BGB · § 307 BGB · §§ 195, 199 BGB · § 87 Abs. 1 Nr. 3 BetrVG · § 2 MiLoG · BAG, Urteil vom 01.09.2010 – 5 AZR 517/09 · BAG, Urteil vom 16.05.2012 – 5 AZR 331/11 · BAG, Urteil vom 04.05.2022 – 5 AZR 359/21
Kurz gesagt

Einen gesetzlichen Überstundenzuschlag gibt es in Deutschland nicht. Ob und wie Überstunden bezahlt werden, regeln Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung. Fehlt eine Regelung, gilt in der Regel § 612 BGB: Arbeit, die nur gegen Vergütung zu erwarten ist, wird bezahlt.

Die Grenzen setzt das Arbeitszeitgesetz: acht Stunden werktäglich, bis zu zehn, wenn im Durchschnitt von sechs Monaten oder 24 Wochen acht Stunden nicht überschritten werden. Arbeit über acht Stunden müssen Sie aufzeichnen, und für jede Stunde muss am Ende mindestens der Mindestlohn herauskommen.

In diesem Artikel

„Das gehört halt dazu“ ist der Satz, mit dem die meisten Überstundenstreitigkeiten anfangen. Ein paar Monate lang bleiben alle länger, keiner schreibt es auf, und beim Ausscheiden kommt eine Liste mit 150 Stunden. Ob die Forderung berechtigt ist, entscheidet sich dann an Regeln, die man vorher hätte kennen sollen.

Wann Sie Überstunden anordnen dürfen

Beschäftigte müssen Überstunden nur leisten, wenn der Arbeitsvertrag, ein Tarifvertrag oder eine Betriebsvereinbarung das vorsieht, oder in echten Notfällen. Ohne eine solche Grundlage können Sie Überstunden zwar erbitten, aber nicht verlangen.

Gibt es einen Betriebsrat, hat er bei der vorübergehenden Verlängerung der betriebsüblichen Arbeitszeit mitzubestimmen (§ 87 Abs. 1 Nr. 3 BetrVG). Das gilt auch, wenn es nur um ein paar Stunden für eine Inventur geht.

Die Grenzen des Arbeitszeitgesetzes

Tarifverträge können abweichen. Ohne Tarifvertrag sind zehn Stunden die harte Grenze, auch wenn der Beschäftigte freiwillig länger bleiben möchte.

Bezahlung: Vertrag, Pauschale und Mindestlohn

Ein gesetzlicher Zuschlag für Überstunden existiert nicht. Zuschläge entstehen durch Tarifvertrag oder Arbeitsvertrag. Eine Ausnahme mit eigenem Mechanismus ist die Nachtarbeit: Hier verlangt § 6 Abs. 5 ArbZG eine angemessene Zahl bezahlter freier Tage oder einen angemessenen Zuschlag, sofern kein Tarifvertrag etwas anderes regelt.

Pauschalklauseln: welche halten und welche nicht

Viele Arbeitsverträge enthalten einen Satz wie „Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten“. Das Bundesarbeitsgericht hat eine solche Klausel („erforderliche Überstunden sind mit dem Monatsgehalt abgegolten“) für unwirksam erklärt, weil sich aus dem Vertrag nicht ergab, wie viele Überstunden damit gemeint sind (BAG, 1. September 2010, 5 AZR 517/09). Der Arbeitgeber musste die Stunden nachzahlen.

Anders sah es bei einer Klausel aus, nach der die ersten 20 Überstunden im Monat mit dem Gehalt abgegolten sind: Das BAG hielt sie weder für überraschend noch für unklar (BAG, 16. Mai 2012, 5 AZR 331/11). Die Lehre daraus: Wenn Sie Überstunden pauschal abgelten wollen, nennen Sie eine konkrete Zahl.

Die Mindestlohn-Probe

Auch eine wirksame Pauschale darf den Mindestlohn nicht unterlaufen. Rechnen Sie nach, ob das Monatsentgelt geteilt durch alle tatsächlich geleisteten Stunden mindestens 13,90 € ergibt (Stand 2026):

Beispiel: 2.600 € brutto, 40-Stunden-Woche
Monat Stunden Effektiver Stundenlohn
Ohne Überstunden 173,3 h 15,00 €
10 Überstunden, abgegolten 183,3 h 14,18 €
20 Überstunden, abgegolten 193,3 h 13,45 €: unter Mindestlohn

Die 173,3 Stunden ergeben sich aus 40 Stunden mal 13 Wochen geteilt durch 3 Monate. Im dritten Fall müssten die fehlenden Cent pro Stunde nachgezahlt werden, egal was im Vertrag steht.

Freizeitausgleich und Arbeitszeitkonto

Statt Geld können Überstunden mit Freizeit ausgeglichen werden, wenn das vereinbart ist. Am saubersten geht das über ein Arbeitszeitkonto. Für Beschäftigte im Mindestlohnbereich setzt § 2 Abs. 2 MiLoG Grenzen: schriftliche Vereinbarung, höchstens 50 Prozent der vertraglichen Arbeitszeit pro Monat auf das Konto, Ausgleich innerhalb von zwölf Monaten.

Wer im Streit was beweisen muss

Klagt jemand Überstunden ein, muss er nach ständiger Rechtsprechung zweierlei darlegen: dass er über die vereinbarte Zeit hinaus gearbeitet hat und dass der Arbeitgeber diese Stunden angeordnet, gebilligt, geduldet hat oder dass sie zur Erledigung der Arbeit notwendig waren. Das BAG hat im Mai 2022 bestätigt, dass sich daran durch das EuGH-Urteil zur Zeiterfassung nichts geändert hat (5 AZR 359/21).

Klingt nach einem Vorteil für Arbeitgeber, ist es aber nur, solange Sie eigene Aufzeichnungen haben. Legt der Beschäftigte eine detaillierte Liste vor und Sie haben nichts dagegenzusetzen, wird es schwierig. Und Überstundenansprüche verjähren erst nach drei Jahren, gerechnet ab dem Ende des Jahres, in dem sie entstanden sind (§§ 195, 199 BGB), sofern keine kürzere Ausschlussfrist im Vertrag oder Tarifvertrag gilt.

Was Sie aufschreiben sollten

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Häufige Fragen

Gibt es in Deutschland einen gesetzlichen Überstundenzuschlag?

Nein. Zuschläge ergeben sich nur aus Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag. Für Nachtarbeit verlangt § 6 Abs. 5 ArbZG allerdings einen angemessenen Ausgleich durch freie Tage oder einen Zuschlag, wenn kein Tarifvertrag gilt.

Wie viele Überstunden sind erlaubt?

Das Arbeitszeitgesetz erlaubt bis zu zehn Stunden pro Werktag, wenn im Durchschnitt von sechs Monaten oder 24 Wochen acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Tarifverträge können abweichen.

Ist die Klausel „Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten“ wirksam?

In dieser pauschalen Form in der Regel nicht, weil unklar bleibt, wie viele Stunden gemeint sind (BAG, 5 AZR 517/09). Eine Klausel mit konkreter Zahl, etwa die ersten 20 Überstunden im Monat, hat das BAG dagegen akzeptiert (5 AZR 331/11). Der Mindestlohn muss in jedem Fall erreicht werden.

Muss ich Überstunden aufschreiben?

Ja. Arbeitszeit über acht Stunden werktäglich muss nach § 16 Abs. 2 ArbZG aufgezeichnet und zwei Jahre aufbewahrt werden, und seit dem BAG-Beschluss von 2022 ist die gesamte Arbeitszeit zu erfassen.

Wie lange kann ein Beschäftigter Überstunden nachfordern?

Grundsätzlich drei Jahre ab Ende des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist. Arbeits- oder Tarifverträge enthalten aber oft kürzere Ausschlussfristen.

Stand: 27. Oktober 2026. Gesetze und Rechtsprechung ändern sich, und Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen können abweichende Regeln enthalten. Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung.

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