„Das gehört halt dazu“ ist der Satz, mit dem die meisten Überstundenstreitigkeiten anfangen. Ein paar Monate lang bleiben alle länger, keiner schreibt es auf, und beim Ausscheiden kommt eine Liste mit 150 Stunden. Ob die Forderung berechtigt ist, entscheidet sich dann an Regeln, die man vorher hätte kennen sollen.
Wann Sie Überstunden anordnen dürfen
Beschäftigte müssen Überstunden nur leisten, wenn der Arbeitsvertrag, ein Tarifvertrag oder eine Betriebsvereinbarung das vorsieht, oder in echten Notfällen. Ohne eine solche Grundlage können Sie Überstunden zwar erbitten, aber nicht verlangen.
Gibt es einen Betriebsrat, hat er bei der vorübergehenden Verlängerung der betriebsüblichen Arbeitszeit mitzubestimmen (§ 87 Abs. 1 Nr. 3 BetrVG). Das gilt auch, wenn es nur um ein paar Stunden für eine Inventur geht.
Die Grenzen des Arbeitszeitgesetzes
- Acht Stunden werktäglich (§ 3 ArbZG). Werktage sind Montag bis Samstag, das ergibt 48 Stunden pro Woche.
- Bis zu zehn Stunden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.
- Nachtarbeitnehmer: ebenfalls acht Stunden, bis zu zehn nur bei Ausgleich innerhalb eines Kalendermonats oder von vier Wochen (§ 6 Abs. 2 ArbZG).
- Pausen und elf Stunden Ruhezeit gelten auch an Tagen mit Überstunden.
Tarifverträge können abweichen. Ohne Tarifvertrag sind zehn Stunden die harte Grenze, auch wenn der Beschäftigte freiwillig länger bleiben möchte.
Bezahlung: Vertrag, Pauschale und Mindestlohn
Ein gesetzlicher Zuschlag für Überstunden existiert nicht. Zuschläge entstehen durch Tarifvertrag oder Arbeitsvertrag. Eine Ausnahme mit eigenem Mechanismus ist die Nachtarbeit: Hier verlangt § 6 Abs. 5 ArbZG eine angemessene Zahl bezahlter freier Tage oder einen angemessenen Zuschlag, sofern kein Tarifvertrag etwas anderes regelt.
Pauschalklauseln: welche halten und welche nicht
Viele Arbeitsverträge enthalten einen Satz wie „Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten“. Das Bundesarbeitsgericht hat eine solche Klausel („erforderliche Überstunden sind mit dem Monatsgehalt abgegolten“) für unwirksam erklärt, weil sich aus dem Vertrag nicht ergab, wie viele Überstunden damit gemeint sind (BAG, 1. September 2010, 5 AZR 517/09). Der Arbeitgeber musste die Stunden nachzahlen.
Anders sah es bei einer Klausel aus, nach der die ersten 20 Überstunden im Monat mit dem Gehalt abgegolten sind: Das BAG hielt sie weder für überraschend noch für unklar (BAG, 16. Mai 2012, 5 AZR 331/11). Die Lehre daraus: Wenn Sie Überstunden pauschal abgelten wollen, nennen Sie eine konkrete Zahl.
Die Mindestlohn-Probe
Auch eine wirksame Pauschale darf den Mindestlohn nicht unterlaufen. Rechnen Sie nach, ob das Monatsentgelt geteilt durch alle tatsächlich geleisteten Stunden mindestens 13,90 € ergibt (Stand 2026):
| Monat | Stunden | Effektiver Stundenlohn |
|---|---|---|
| Ohne Überstunden | 173,3 h | 15,00 € |
| 10 Überstunden, abgegolten | 183,3 h | 14,18 € |
| 20 Überstunden, abgegolten | 193,3 h | 13,45 €: unter Mindestlohn |
Die 173,3 Stunden ergeben sich aus 40 Stunden mal 13 Wochen geteilt durch 3 Monate. Im dritten Fall müssten die fehlenden Cent pro Stunde nachgezahlt werden, egal was im Vertrag steht.
Freizeitausgleich und Arbeitszeitkonto
Statt Geld können Überstunden mit Freizeit ausgeglichen werden, wenn das vereinbart ist. Am saubersten geht das über ein Arbeitszeitkonto. Für Beschäftigte im Mindestlohnbereich setzt § 2 Abs. 2 MiLoG Grenzen: schriftliche Vereinbarung, höchstens 50 Prozent der vertraglichen Arbeitszeit pro Monat auf das Konto, Ausgleich innerhalb von zwölf Monaten.
Wer im Streit was beweisen muss
Klagt jemand Überstunden ein, muss er nach ständiger Rechtsprechung zweierlei darlegen: dass er über die vereinbarte Zeit hinaus gearbeitet hat und dass der Arbeitgeber diese Stunden angeordnet, gebilligt, geduldet hat oder dass sie zur Erledigung der Arbeit notwendig waren. Das BAG hat im Mai 2022 bestätigt, dass sich daran durch das EuGH-Urteil zur Zeiterfassung nichts geändert hat (5 AZR 359/21).
Klingt nach einem Vorteil für Arbeitgeber, ist es aber nur, solange Sie eigene Aufzeichnungen haben. Legt der Beschäftigte eine detaillierte Liste vor und Sie haben nichts dagegenzusetzen, wird es schwierig. Und Überstundenansprüche verjähren erst nach drei Jahren, gerechnet ab dem Ende des Jahres, in dem sie entstanden sind (§§ 195, 199 BGB), sofern keine kürzere Ausschlussfrist im Vertrag oder Tarifvertrag gilt.
Was Sie aufschreiben sollten
- Beginn, Ende und Pausen jedes Arbeitstages. Das ist seit 2022 ohnehin Pflicht, und Arbeitszeit über acht Stunden werktäglich musste schon immer aufgezeichnet werden (§ 16 Abs. 2 ArbZG).
- Die Sollzeit jeder Person, damit klar ist, ab wann eine Stunde eine Überstunde ist.
- Ob die Stunde ausgezahlt oder abgefeiert wird, und wann.
- Korrekturen mit Grund, damit niemand behaupten kann, Stunden seien nachträglich gestrichen worden.
Überstunden berechnet, nicht geschätzt
In CheckInGO hinterlegen Sie die Sollzeit jeder Person. Jede Nacht, wenn der Tag abgeschlossen ist, werden die Mehrstunden aus den Buchungen berechnet, und Sie entscheiden, ob sie ausgezahlt oder mit Freizeit ausgeglichen werden. Mit Arbeitszeitkonto und Monatsbericht für die Lohnabrechnung. 19 € im Monat zzgl. MwSt. für bis zu 10 Mitarbeiter, 2 € für jeden weiteren. Ohne Mindestlaufzeit und 7 Tage kostenlos mit Ihrem Team testen.
7 Tage kostenlos testenHäufige Fragen
Gibt es in Deutschland einen gesetzlichen Überstundenzuschlag?
Nein. Zuschläge ergeben sich nur aus Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Arbeitsvertrag. Für Nachtarbeit verlangt § 6 Abs. 5 ArbZG allerdings einen angemessenen Ausgleich durch freie Tage oder einen Zuschlag, wenn kein Tarifvertrag gilt.
Wie viele Überstunden sind erlaubt?
Das Arbeitszeitgesetz erlaubt bis zu zehn Stunden pro Werktag, wenn im Durchschnitt von sechs Monaten oder 24 Wochen acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden. Tarifverträge können abweichen.
Ist die Klausel „Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten“ wirksam?
In dieser pauschalen Form in der Regel nicht, weil unklar bleibt, wie viele Stunden gemeint sind (BAG, 5 AZR 517/09). Eine Klausel mit konkreter Zahl, etwa die ersten 20 Überstunden im Monat, hat das BAG dagegen akzeptiert (5 AZR 331/11). Der Mindestlohn muss in jedem Fall erreicht werden.
Muss ich Überstunden aufschreiben?
Ja. Arbeitszeit über acht Stunden werktäglich muss nach § 16 Abs. 2 ArbZG aufgezeichnet und zwei Jahre aufbewahrt werden, und seit dem BAG-Beschluss von 2022 ist die gesamte Arbeitszeit zu erfassen.
Wie lange kann ein Beschäftigter Überstunden nachfordern?
Grundsätzlich drei Jahre ab Ende des Jahres, in dem der Anspruch entstanden ist. Arbeits- oder Tarifverträge enthalten aber oft kürzere Ausschlussfristen.
Stand: 27. Oktober 2026. Gesetze und Rechtsprechung ändern sich, und Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen können abweichende Regeln enthalten. Dieser Artikel ersetzt keine Rechtsberatung.
← Zurück zum Ratgeber